Militär und Männlichkeit1

„Für diesen Artikel gab es kein passendes Zitat. Aber darüber redet ja auch Keine_r. Dafür waren ca. 98% der Anwesenden beim Celler Trialog Männer.“

Das Militär als traditioneller Männerbund (seit 2001 sind nun auch in Deutschland Kampfverbände mit Frauenbeteiligung zugelassen) inszeniert sich und seine Männlichkeit in den entsprechenden Ritualen, Idealen und Hierarchien. Der Zusammenhang zwischen dieser Inszenierung, ihrer ungebrochenen Tradition und ihrer direkten Verbindung zur sexualisierten Gewalt nach innen und außen wird jedoch häufig in den Diskursen der antimilitaristischen Bewegungen vernachlässigt.
Ehemals galt der Soldat als treuer Held, einzig dem ihm heiligen Vaterland untergeordnet. Er hatte nichts weibliches an sich und fand die wahre Erfüllung im Kampfe im Feld mit Seinesgleichen.
Einen großen Einschnitt und eine schwere Krise erlebte dieses Männerbild, welches immerhin ein Großteil der männlichen, deutschen Bevölkerung für sich als Ideal verstand, durch die Entwaffnung und Auflösung der Streitkräfte nach der Niederlage des dritten Reiches.
Mit der Neuaufstellung der Bundeswehr 1955 fand zumindest ein Teil der Enttäuschten zu ihrem Heldenideal zurück. Insbesondere der 1957 eingeführte Wehrdienst bot den nachrückenden Generationen an jungen Männern die Möglichkeit, ihre Männlichkeit in Form der Vaterlandsverteidigung mit der Waffe zu erlangen und zu beweisen.
Somit wirkte der Wehrdienst u.a. als Basis für be- und entstehende Männerbünde, da er als kollektiv-konstituierendes Moment zur Schaffung eines Werte- und Erfahrungskanons beitrug, durch das die Selbstdefinition als Mann gefordert und gefördert wurde. Auch heute noch stellt sich die Bundeswehr in ihren Werbevideos gerne als großes Abenteuer in guter Kameradschaft dar. Die Wehrpflicht beinhaltete zudem den Ausschluss der als „Drückeberger“ abgestempelten Verweigerer, die die weiblich-konnotierten, pflegerischen und sozialen Aufgaben übernahmen. Die in den letzten Jahren sinkenden Zahlen an Wehrdienstleistenden bei der Bundeswehr zeigen, dass sich das gesellschaftliche Männerbild ausdifferenziert hat. Es beinhaltet, dass ein Mann für die Ausführung sozialer Tätigkeiten durchaus gesellschaftliche Annerkennung bekommen kann ohne, dass dadurch seine Männlichkeit in Frage gestellt wird. Die Aufopferung wird hier statt am Vaterland am „Gemeinwohl“ geleistet, welches allerdings staatlich definiert ist und ebenfalls durch Zwang herbeigeführt wird. Im Gegensatz zu sozialen /pflegerischen Freiwilligendiensten von Frauen unterliegt sie hier aber nicht in so starkem Maße einer Naturalisierung.
Die staatlich legalisierte Ausübung von Gewalt muss auch nicht auf Männer beschränkt bleiben. Frauen waren und sind in Kriege und militärische Handlungen als Akteurinnen eingebunden, sowohl bei logistischer und medizinischer Unterstützung als auch bei direkten Kampfhandlungen. Bewaffnete Frauen in Uniform, ob als Soldatin [bzw. „Soldat (w)“] mit Knarre oder Bomberpilotin weichen die herrschenden Geschlechterbilder jedoch genauso wenig auf wie Zivildienst leistende Männer, sie legitimieren sie nur zeitgemäßer.
Trotz des erweiterten Handlungsrahmens durch ausdifferenzierte Geschlechterbilder in dem sich Subjekte heute bewegen können, lässt sich doch fast jede Handlung in einer bipolaren Geschlechterordnung wiederfinden.
Dem Militär kommt ein enormer Teil der Aufrechterhaltung und Bildung der Männerrolle zu, die u.a. Gewalt als Form der Auseinandersetzung legitimiert, propagiert und legalisiert. Die Militarisierung der Gesellschaft ist nicht von einer allgemeinen patriarchalen Zurichtung zu trennen. Einerseits verstärkt Militarisierung immer eine patriarchale und bipolare Geschlechterordnung, andererseits benötigt sie diese Struktur auch um Kriege zu rechtfertigen.
Sexualisierte Gewalt und Kriegseinsätze gehen schon immer Hand in Hand. Das Aufeinandertreffen bewaffneter Männerhorden beinhaltet, dass der Besitz- und Herrschaftsanspruch der jeweilig Anderen gebrochen werden soll. Weil dieser Besitzanspruch sowohl die Verfügungsgewalt als auch eine gewisse Schutzfunktion für bzw. über die „eigenen Frauen“ beinhaltet, sind die Erniedrigung der Zivilbevölkerung des Gegners, Vergewaltigung von Zivilistinnen und Soldatinnen, auch in Form von (Zwangs-) Prostitution, in allen Kriegsgebieten an der Tagesordnung. In dieses Bild passen sich aber auch Vergewaltigungen und sexuelle Erniedrigungen von männlichen Feinden ein, wie die Nötigung von Gefangenen in Abu-Ghuraib (Irak), die sich nackt übereinander legen mussten. Vertuscht wird dieses Alles durch die Beschwörungsformel, Kampfeinsätze dienten der Befreiung der Zivilbevölkerung. Aber auch durch ein Bild von Soldaten als technisch aufgerüsteten Kämpfern für Freiheit und Demokratie. Über die Anführung von Demokratie, als eine Regierungsform die sozusagen als gewaltfrei dargestellt wird, wird auch sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen/im eigenen Land unter den Teppich gekehrt. Zur Rechtfertigung von Kriegen ist es immer wieder nötig andere Standpunkte, Lösungsansätze und Probleme auszublenden. Komplexe Strukturen müssen als einfache Widersprüche wahrgenommen werden, damit am Ende einer Überlegung nur eine Lösung möglich ist: Krieg. Dies geschieht durch die Herstellung vermeintlicher Dualismen. Es gibt nur Frauen und Männer, Demokratie bzw. Menschenrechte und islamistische Diktatur, die Wilden und den Westen, Zivilisation und Barbarei.
Das Beispiel des Krieges in Afghanistan macht es deutlich: Die vermeintliche Wahl bestand aus fortwährender islamistischer Frauenunterdrückung oder kriegerischer Intervention des Westens. Ausgeblendet werden nicht nur jegliche andere Fragestellungen sondern auch die patriarchalen Verhältnisse innerhalb der sog. westlichen Zivilisation. Die Konflikte bestehen aber nicht aus zwei Polen sondern sind nur innerhalb komplexer Verpflechtungen nachvollziehbar. Und so musste im Fall Afghanistans die Unterdrückung der Frauen durch die Taliban als Legitimation für militärische Intervention herhalten, während nun die anhaltende Besatzung Afghanistans die sexuelle Ausbeutung von Frauen reproduziert. Die massive Verbreitung von Bordellen mit (z.T. minderjährigen) Zwangsprostituierten in Umgebung der Feldlager im Kosovo erzeugte sogar mediale Aufmerksamkeit. In Afghanistan wird sich dagegen unter mehr oder weniger vorgehaltener Hand über die landestypischen Probleme mit der Etablierung von Bordellen beklagt. Die politische und finanzielle Macht des Militärs macht vor diesen regionalen Unterschieden natürlich keinen Halt: Sowohl in Afghanistan als auch im Kosovo, im Irak und an anderen Militärstützpunkten blüht der Menschenhandel bzw. die Prostitution. Auch innerhalb der BRD nimmt die Zahl der Bordelle in Umgebung von Kasernen zu.
Die Parallelen von Gewalt im und durch das Militär zu der von zivilen Männern ausgeübten Gewalt sind zahlreich. Eine Gesellschaft, die bereit sein soll Kriege zu führen, muss darauf eingestimmt werden, dass Gewaltanwendung nicht nur nötig, sondern von Soldaten (und auch Polizisten) ausgeführt sogar wünschenswert bzw. heldenhaft sei. Schließlich diene sie der Aufrechterhaltung unseres Wohlstands und unserer Demokratie und liege damit vermeintlich im Interesse der Allgemeinheit.
Eine der Grundlagen für Militarisierung ist ein archaisches und chauvinistisches Gesellschaftsverständnis. Staatliche Gewalt wird durch die Herstellung einfacher Widersprüche bzw. dualer Pole als legitimes Mittel zur Lösung gesellschaftlicher oder zwischenstaatlicher Konflikte angesehen. Nun ist es nicht nur dem Soldaten als Individuum, sondern auch dem Individuum außerhalb des Militärs auf einer psychologischen Ebenen (bzw. der der Sozialisation) äußerst schwer zu vermitteln, dass es einerseits gut sei die staatlichen Interessen gewalttätig durchzusetzen, es andererseits aber schlecht sei die privaten Interessen derart durchzusetzen.
So fördert die Militarisierung der Gesellschaft mit ihrer Legitimierung von Gewalt und ihren Idealen von Heldentum, Hierarchien und Stärke immer auch die zwischenmenschliche Gewalttätigkeit.
Die aus der bipolaren Geschlechterordnung resultierenden Gewaltverhältnisse und deren direkter Bezug zu Militarismus lassen nur einen Schluss zu:
Geschlechterrollen und Militär gehören angegriffen, aufgeweicht, aufgelöst!

1Dieser Text verwendet absichtlich nur die männlichen Formen (z.B. Scheißsoldat).