„Einsätze müssen übereinstimmen mit den Werten, Zielen und Interessen unserer Sicherheitspolitik. Wir wollen die Freiheit, Demokratie und Wohlstand […] schützen“ Verteidigungsminister Jung beim Celler Trialog 2008

Schon lange vor der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise war die Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Weltwirtschaft klar erkennbar. Die Notwendigkeit einer staatlichen Militarisierung der Außenpolitik entsteht aus Veränderungen im Kapitalismus selbst. Egal ob man diese Veränderungen nun mit Begriffen wie Postfordismus, finanzmarktgesteuertem Kapitalismus oder Globalisierung kennzeichnet, immer deutlicher wird, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise das Versprechen von Wohlstand und Entwicklung nicht einhält. Schon die Sprache verrät diese Veränderung: Aus Entwicklungsländern sind „zerfallende Staaten“ geworden, aus Schwellenländern Konkurrenten. Das führt dazu, dass der gesellschaftliche Zusammenhang, aber auch der zwischen Staaten zunehmend gewalttätig, in letzter Konsequenz militärisch hergestellt wird. Die Interventionen der westlichen Nationen (v.a. NATO-Staaten) folgen dieser Logik. Als Reaktion auf den zunehmenden Hunger und das Elend für immer größere Teile dieser Welt, sowie die knapper werdenden Ressourcen, etabliert die so genannte westliche Staatengemeinschaft eine vielschichtige Sicherheitsarchitektur, die nach Außen abschottet – mit Grenzregimen, Lagern, Zäunen – und zugleich mit Interventionen den Zugriff auf Rohstoffe und freie Handelswege sichert. Denn wie der Celler Appell 2008 betont, sei Deutschland „als rohstoffarmes, exportorientiertes Land […] auf Stabilität und Sicherheit angewiesen“.
Diese Sicherheitsarchitektur dient zwar der Absicherung und Durchsetzung ökonomischer Interessen, sie ist aber nicht nur ökonomisch erklärbar, da auch immer Versatzstücke anderer Ideologien und Herrschaftsmechanismen (wie z.B. Rassismen) Rückwirkungen auf staatliches Handeln haben. Legitimiert werden die aktuellen Kriegseinsätze u.a. mit der Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten.
Klaus-Peter Müller sagte beim Celler Trialog 2008, es werde ein „breit mitgetragenes Grundverständnis […] für unsere außenhandelsorientierte Wirtschaft und schließlich zur Bewahrung unserer Vorstellungen von rechtsstaatlicher Demokratie als Lebensform“ beötigt. Die Erwähnung von „rechtsstaatlicher Demokratie als Lebensform“ ist dabei nicht als Vorwand zu verstehen, um ökonomische Interessen durchzusetzen. Sie ist Ausdruck einer postkolonialistischen Weltsicht, die die eigenen Werte für überlegen hält.
Unabhängig davon, ob man die westliche Demokratie als nachahmenswert erachtet, impliziert die Annahme, dass sie zu verbreiten sei immer eine Hierarchie zwischen „dem Westen“ und „den Anderen“. (Siehe dazu auch den Artikel „Militär und Männlichkeit“)
Das Menschenbild, das sich u.a. in diesen Demokratisierungsbestrebungen ausdrückt, weist in seinen Begründungsmustern unmittelbare Überschneidungen mit den Ideologien der Sklaverei und des Kolonialismus auf. Ausgangspunkt ist die Annahme, eine eigenständige Entwicklung „der Anderen“ sei unmöglich, weshalb aufklärerisch eingegriffen werden müsse.
Damals waren „die Wilden“ angeblich nicht in der Lage, ein zivilisiertes (Über-)Leben zu führen und bedurften westlicher/weißer Führung. Heute bräuchten die Gesellschaften der sog. Schurkenstaaten die Befreiung /Hilfe des Westens, um Demokratie, Schulen und Brunnen aufzubauen. Dieser postkolonialistischen Ideologie dienen die westlichen Werte nicht als Vorwand – sie sind ein integraler Bestandteil dieser. So beinhaltet der Aufbau der globalen Sicherheitsarchitektur die Verbreitung westlicher Werte und bürgerlicher Demokratie. Schließlich ist die parlamentarische Demokratie untrennbar mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verknüpft und ein Garant für ein hohes Maß an Stabilität. Der Bezug auf humanistische Werte der westlichen Staatengemeinschaft bedeutet also keinen Widerspruch zu wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen.
Neben dem gemeinsam betriebenen Aufbau der Sicherheitsarchitektur wird die Militarisierung aber noch von einem weiteren Faktor voran getrieben: Von der Konkurrenz zwischen den einzelnen Staaten dieser Bündnisse. Verteidigungsminister Jung stellte beim Celler Trialog 2008 fest, „größere Gestaltungsmöglichkeiten und Einfluss bedeuten auch Verpflichtung. Wir sind heute stärker als früher gefordert, Verantwortung in der Welt zu übernehmen“. Dies heißt im Klartext nichts anderes als: Je mehr Truppen, Geld etc. für die Umsetzung dieser Sicherheitsarchitektur bereitgestellt werden, desto mehr Machtansprüche können von der Gebernation gestellt werden. Dies gilt sowohl innerhalb der EU und der NATO als auch für den von Deutschland angestrebten dauerhaften Sitz im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNO).
Die BRD rüstet also auf. Einerseits um im Verbund mit wechselnden Partnern die Hegemonie der so genannten westlichen Staatengemeinschaft abzusichern. Andererseits um ihre Interessen und Machtansprüche innerhalb dieser Staatengemeinschaft besser durchsetzen zu können.