„Seit der Wiedervereinigung nimmt Deutschland eine gewachsene internationale Verantwortung wahr. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind Ausdruck dieser größeren internationalen Rolle als Beitrag Deutschlands zu Frieden und Sicherheit in Europa und der Welt.“ Celler Appell 2008

Eine Armee, die weltweit interventionsfähig sein will, muss eine andere sein, als eine, die in den Krieg gegen den Warschauer Pakt ziehen wollte. Aus diesem Grund bauen die NATO und die EU schnell einsetzbare Eingreiftruppen auf. Dem entsprechend wurde die Bundeswehr von einer formal auf Verteidigung ausgelegten Armee zu einer weltweit einsatzfähigen Interventionsarmee umgebaut.
Vor dieser so genannten Transformation war die Bundeswehr unterteilt in Luftwaffe, Heer und Marine. Jetzt kommt eine neue Unterteilung hinzu: Die nach Eingreifkräften, Stabilisierungskräften und Unterstützungskräften. Bei einer Gesamtstärke der Bundeswehr von 211.000 (zusätzlich 40.000 Soldat_innen in Ausbildung und 75.000 zivile Mitarbeiter_innen) entfallen dabei 35.000 auf die Eingreifkräfte, 70.000 auf die Stabilisierungskräfte und 106.000 auf die so genannten Unterstützungskräfte.
Die Eingreifkräfte sind für so genannte friedenserzwingende Einsätze zuständig, die Stabilisierungskräfte für sog. friedenserhaltende, Nicht-„Artikel 5“-Einsätze. Mit Artikel 5 ist der Artikel des NATO-Vertrages gemeint, der den so genannten Verteidigungsfall regelt. Die „Enduring Freedom“-Mission in Afghanistan ist in der Geschichte der NATO bisher der einzige Artikel 5-Einsatz.
Mit „friedenserzwingenden Maßnahmen“ sind Interventionen und Angriffskriege auf bzw. in ein anderes Land gemeint, während „friedenserhaltende Maßnahmen“ auf die Etablierung eines Besatzungsregimes abzielen. Die Unterstützungskräfte sind nach wie vor hauptsächlich zur „Landesverteidigung“ vorgesehen.
Wenn wir uns die Größenordnung anschauen, ergibt sich die Zahl von 35.000 Soldat_innen für die Eingreifkräfte aus den eingegangenen Verpflichtungen gegenüber der EU und Nato. Die Eingreifkräfte der Bundeswehr stellen den deutschen Anteil der Truppen für die NATO „Quick Reaction Forces“ (QRF) und die „Battlegroups“ der EU. Für das Heer ist die 1. Panzerdivision Hannover die Eingreifdivision.
Diese Unterteilungen lassen sich aber im realen Einsatz nicht aufrechterhalten – die Übergänge zwischen Stabilisierungs- und Eingreifoperationen sind fließend. So wird zum Teil auch von „Three-Block Operations“ gesprochen, die Kriegshandlungen, Stabilisierungsoperationen und humanitäre Hilfsleistungen umfassen.
Der Begriff der fließenden Übergänge hat aber noch eine weitere Folge: Das offizielle (Selbst-)Bild einer Parlamentsarmee, die rein politischen Vorgaben mit klar abgesteckten Mandaten folgt, stimmt mit der Realität zunehmend nicht mehr überein. Es sind militärische Vorgaben mit ihren eigenen Sachzwängen, die eine immer weitere Eskalation der Kriegseinsätze nötig machen.