„Die Mannschaftsleistung der Bundeswehr verdient mehr Wertschätzung, mehr Unterstützung – ideell, aber auch materiell! Das richtet sich an nahezu alle Bereiche der Gesellschaft.“ Klaus-Peter Müller in seiner Rede zum Celler Trialog 2008

Karrieretrucks, Beratungen in Arbeitsagenturen, Messestände, Jugendoffizier_innen, Werbeanzeigen, Militär-Unis, Musikkorps, Big-Band, Gelöbnisse, Jugendpressekongresse, Soldat_innengottesdienste, Preisausschreiben, Musik-, Talent- und Sportwettbewerbe… Die Liste der Werbemittel der Bundeswehr ist lang. Mehrere Millionen lässt sich das deutsche Militär seinen Werbefeldzug jährlich kosten. Im Jahr 2009 wird es knapp 1.000 Werbeauftritte, 1.346 Auftritte der Musikkorps und über zweihundert Gelöbnisse und andere militärische Zeremonien geben.
Dabei sind grundsätzlich zwei verschiedene Zielsetzungen festzustellen, die aber nicht immer klar von einander getrennt werden können.
Zunächst geht es der Bundeswehr darum ihr Image aufzubessern. Eine Armee im Einsatz braucht die Unterstützung der Gesellschaft. Diese ist ein wesentlicher Faktor, um bei den Soldat_innen die Bereitschaft herzustellen in den Krieg zu ziehen. Denn ein_e Soldat_in, die für ihr_sein Handeln, in der Heimat auch noch geächtet wird, wird es sich zweimal überlegen, ob das Töten und im Zweifelsfall auch getötet werden der richtige Beruf ist. Deshalb haben Militärspektakel wie Gelöbnisse und Soldat_innengottesdienste immer eine zweifache Funktion.
Einmal geht es darum nach Innen, also für die Soldat_innen und die Truppe, eine emotionale Rückversicherung herzustellen. Sie sollen der Richtigkeit ihres Tuns versichert werden und versinnbildlicht bekommen: „Gott, die Bevölkerung und die freiheitlich-demokratische Grundordnung stehen hinter dir.“ Gleichzeitig geht es aber auch darum, nach Außen, also in der Gesellschaft, eine Normalität des Militärischen herzustellen. Das Militär soll als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft, und das staatlich legitimierte Morden als ganz normaler Beruf, wahrgenommen werden. Deshalb versucht die Bundeswehr immer öfter unter dem Deckmantel der vermeintlichen Wohltätigkeit, wie bei Benefiz-Veranstaltungen, ihr Image aufzupolieren und in der Gesellschaft die Akzeptanz für sich und ihre Kriege zu steigern. Abgerundet wird diese Inszenierung durch eine gesteigerte Präsenz des Militärs in Zeitungen und Fernsehen. Die Palette medialer Auftritte reicht von vermeintlich sachlichen Dokumentationen bzw. Berichterstattungen bis hin zu Unterhaltungssendungen. Die NATO betreibt z.B. eine eigene Medienabteilung, die Bild- sowie Videomaterial zur Verfügung stellt, das explizit ohne Quellenangabe weiterverwendet werden kann. Gerade private aber auch öffentlich-rechtliche Fernsehsender greifen gerne auf diese kostengünstige Variante der Materialbeschaffung zurück. Ganze Sendeprogramme wie das von N24 werden mit der Begeisterung für die technische Effizienz von Kriegswerkzeugen gefüllt. Doch auch auf der Ebene der Unterhaltung hat die Präsenz des Militärs in den letzten Jahren kräftig zugelegt. Als Beispiele genannt seien hier nur Einige: Die ZDF-Serie „die Rettungsflieger“, die gemeinsam mit der Bundeswehr produziert wurde; Die RTL-Serie „Sonja wird eingezogen“, bei der die RTL-Moderatorin Sonja Zietlow auf der Gorch Fock segelte, Fallschirm sprang und mit Scharfschütz_innen und KSK-Soldaten durch den Schmutz robbte und die Bundeswehr Big-Band Auftritte bei TV-Total auf Pro7.
Den zweiten Teil der Bundeswehrveranstaltungen, der rein Zahlenmäßig bei Weitem überwiegt, bildet das Bemühen um Nachwuchsgewinnung.
Denn wie der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe bereits in seinem Jahresbericht 2006 bedauernd zu Kenntnis nahm ist „seit Beginn der verstärkten Einsatztätigkeit der Streitkräfte […] in bestimmten Verwendungsreihen ein beständiger Mangel festzustellen“.
Im genannten Jahr konnten statt der angepeilten 23.000 nur 20.750 Zeitsoldat_innen eingestellt werden. Vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr (SOWI) heißt es dazu: „[Es] ist damit zu rechnen, dass den Jugendlichen immer mehr bewusst wird, dass es sich bei der Bundeswehr um eine Armee im Einsatz handelt und dass der Beruf des Soldaten erhebliche Risiken mit sich bringt. Diese Erkenntnis wird zumindest bei einem Teil der jungen Männer und Frauen die Bereitschaft verringern, zur Bundeswehr zu gehen“.
Zudem wird laut Statistischem Bundesamt die Jahrgangsstärke der 18-jährigen zwischen 2008 und 2013 um rund zehn Prozent – in den neuen Bundesländern sogar um bis zu 50 Prozent – absinken. Auch deshalb wurde in den vergangenen Jahren die Zahl der Werbeauftritte in Schulen, bei Berufsmessen und in den Arbeitsagenturen massiv erhöht.
Die Kosten für die Bundeswehr-Karrieretrucks, die sowohl an Schulen als auch bei
Messen und Veranstaltungen wie der „Nacht der Berufe“ zum Einsatz kommen, haben sich im vergangen Jahr um 30% gesteigert. Die Zentren für Nachwuchsgewinnung (ZnwG),ohne ZnwG Süd, haben die Zahl der Anschreiben an Schulen von 1.257 im Jahr 2007 auf 6.526 im Jahr 2009 gesteigert, also verfünffacht.
Zu der Offensive an deutschen Schulen zählen Empfehlungen der Kultusministerien, bestens ausgebildete und smarte Jugendoffizier_innen in den Unterricht einzubinden. Im
Handbuch für Jugendoffizier_innen des Verteidigungsministeriums heißt es: „Den Jugendoffizier muss Wendigkeit, Begeisterungsfähigkeit, Redegewandtheit, politisches Interesse und Freude an der Jugendarbeit auszeichnen“. Derzeit gibt es knapp 100 haupt- und weit über 300 nebenamtliche Jugendoffizier_innen. Allein im Jahr 2005 führten diese fast 8.000 Einsätze mit über 160.000 erreichten Schüler_innen durch.
Zudem verschickt das Bundesverteidigungsministerium Unterrichtsmaterialien für die Fächer Politik, Sozialkunde, Geografie, Ethik bzw. Werte und Normen, Religion und Geschichte. Oftmals freuen sich die betreffenden Lehrer_innen über die Arbeitserleichterung in Form von fertig gestalteten Unterrichtseinheiten und übernehmen die Propaganda der Regierung vollkommen unkritisch und unkommentiert.
Laut einer kleinen Anfrage der Linkspartei wurden „2007 […] von den Schulen
mehr als 325.000 Schüler- und über 16.000 Lehrerhefte für den Unterricht bestellt “. Neben der Schürung von Angst und der Ausnutzung von Emotionen werden in den Unterrichtsmaterialien höchst umstrittene Konzepte als wertfreie Realitäten dargestellt. Dies gilt vor allem für die Konzepte der „neuen Kriege“, der „vernetzten Sicherheit“, der „zivilmilitärischen Zusammenarbeit“ und des „erweiterten Sicherheitsbegriffes“. Es wird nicht erwähnt, dass zahlreiche Wissenschaftler_innen und Politiker_innen bereits den Grundannahmen widersprechen, auf denen diese angeblich unumstrittenen und wertfreien Konzepte aufbauen. Auch die Auswahl von Texten und Links zur weiteren Recherche ist extrem einseitig und die Bewertung der Sachverhalte wird durch die Form der Fragestellung bereits vorgegeben. So wird die Bundeswehr zum Beispiel in einem Atemzug mit dem Internationalen Roten Kreuz und Amnesty International als Hilfsorganisation dargestellt. Dass mit den Unterrichtsmaterialien keine offene Diskussion über den Sinn und Zweck der Bundeswehr verfolgt wird, wird durch Aussagen wie: „Aus dem ‚Soldaten für den Frieden‘, dem ‚Staatsbürger in Uniform‘, der zu Zeiten des ‚Kalten Krieges‘ zur Landesverteidigung bereitstand, ist ein ‚Soldat für den Weltfrieden‘, ein ‚Weltbürger in Uniform‘ geworden, der in entfernten Regionen und Erdteilen zum Einsatz kommt“. Im Lehrer_innenheft heißt es zu den Unterrichtszielen u.a.: “Die Schülerinnen und Schüler sollen […] erkennen, dass für die gegenwärtige Friedens- und Sicherheitspolitik bei der fortgeschrittenen Globalisierung ein System globaler kooperativer Sicherheit erforderlich ist und weiterentwickelt werden muss, [sie sollen] am Beispiel aktueller Auslandseinsätze der Bundeswehr deren friedenssichernde Rolle beurteilen“.
Zudem werden mehrtägige Schulausflüge in Bundeswehreinrichtungen angeboten.
So wurde das Strategiespiel POLIS (Politik und Internationale Sicherheit) bereits 2004 insgesamt 378 mal für jeweils 30 bis 50 Schüler_innen im Rahmen von Klassenfahrten kostenlos gebucht. POLIS ist eine Simulation für Schüler_innen ab der 10. Klasse, bei der anhand konkreter Beispiele weltweite „Ressourcenverteilungskonflikte und Interventionsszenarien“ durchgespielt werden. Die Seminare finden wiederum unter Leitung von Jugendoffizier_innen statt.
Zum Regelmäßigen Programm aller Schulklassen, denen ein Abschluss kurz bevorsteht, gehören außerdem auch die Besuche von Berufsmessen. Dort warten dann wiederum die Bundeswehrwerber_innen mit dem auf Jugendliche abgestimmten und oftmals auch spektakulärsten Angeboten, wie Kletterwänden oder Flugsimulatoren.
Ein weiterer Punkt, der neben der Etablierung von Rüstungsforschung natürlich auch der Nachwuchsgewinnung dient, ist das verstärkte Engagement der Bundeswehr an den Hochschulen und Universitäten. Darauf wollen wir an dieser Stelle aber nicht lange eingehen sondern stattdessen auf den Artikel „Rüstungs- und Sicherheitsforschung“ verweisen. Kurz erwähnt sei aber eine Befragung von Student_innen der Bundeswehr-Universitäten in Hamburg und München aus dem Jahr 2002. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass fast 70% der Student_innen den Soldat_innenberuf nicht gewählt hätten, wenn ihnen dadurch nicht ein Studium ermöglicht worden wäre. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Studiengebühren in mehreren Bundesländern diesen Trend zusätzlich verstärken Die Bundeswehr wirbt inzwischen offensiv mit dem Slogan: „Studieren ohne Gebühren, Studieren mit Gehalt – Studium bei der Bundeswehr!“
Das nächste Feld auf das sich die Werber_innen der Bundeswehr konzentrieren sind die Arbeitsagenturen (ARGE). Nina Leonhard und Heiko Biel vom SOWI bringen es auf den Punkt: „Wer berufliche Alternativen hat, geht nicht zur Bundeswehr. […] Wer über ausreichende berufliche Chancen verfügt, zieht die Möglichkeit, Soldat der Bundeswehr zu werden, gar nicht in Betracht“. Da trifft es sich für die Bundeswehr mehr als gut, dass in Zeiten der Krise Arbeitslosigkeit und zunehmende Prekarisierung um sich greifen. Arbeitslose mit „sicheren“ Jobangeboten und gutem Verdienst zu locken liegt nahe.
Eine Studie des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2003 zeiget, dass ein großer
Teil der Jugendlichen, die sich bei der Bundeswehr verpflichten, dies vor allem aus ökonomischen Gründen und weniger aus Überzeugung tut. Über 70% der befragten Jugendlichen, die Interesse am Soldat_innenberuf hatten, gaben an, sie würden vor allem aufgrund der Arbeitsplatzsicherheit zur Bundeswehr gehen, fast 60% nennen die guten Einkommensmöglichkeiten als Grund. Diejenigen, die sich nicht bei der Bundeswehr verpflichten wollen, geben im Gegenzug zu 90% als Grund an, sie könnten mit einem besseren Arbeitsplatz rechnen.
Wo die Perspektivlosigkeit des Arbeitsmarktes noch nicht genügt, wird auch schon mal zwangsrekrutiert. So gibt es mittlerweile aus mehreren Städten Berichte, die besagen, dass Hartz IV Empfänger_innen Leistungskürzungen angedroht wurden, sollten sie sich weigern, an einer Rekrutierungsveranstaltung teilzunehmen. Einen weiterer Höhepunkt der Dreistigkeit mit der die Bundeswehr versucht Nachwuchs in den ARGEn zu gewinnen, war der Einsatz bewaffneter Feldjäger_innen als Saalschutz im Berufsinformationszentrum Köln. Aber auch abseits dieser aufsehenserregenden Fälle nimmt die Anwerbung von Arbeitslosen zu. Die Zusammenarbeit zwischen den Agenturen für Arbeit und der Bundeswehr reicht von der Werbung für den Soldat_innenberuf durch Mitarbeiter_innen der ARGEn, der Bereitstellung von Räumen für Rekrutierungsveranstaltungen
bis hin zu konkreten Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr. Zum Teil werden die ARGE-Mitarbeiter_innen direkt in Bundeswehreinrichtungen auf die Beratungsgespräche mit jugendlichen Arbeitslosen vorbereitet. Bundesweit werden in elf ARGEn dauerhafte Büros zur „Wehrdienstberatung“ unterhalten. In 204 ARGEn finden regelmäßig Rekrutierungsveranstaltungen statt.